pessimistische Bestandsaufnahme Ende 2007

Vielleicht hätte ich letztes Jahr auch schon so eine Bestandsaufnahme schreiben können, aber da war meine Stimmung wohl eine andere…
Ich könnte jetzt weit ausholen in die Weltpolitik, Thema Terror, Thema Klima und so weiter. Ich will mich aber lieber auf ein paar wenige Bereiche beschränken, die in der Innenpolitik zu finden sind.
Es fängt vielleicht an mit der zunehmend auseinander klaffenden Schere zwschen arm und reich, zwischen der größer und fetter werdenden Oberschicht und der ebenfalls größer aber ärmer werdenden Unterschicht. Also sei einmal mit der Keule auf zuviel verdienende Manager und Fußballstars eingedroschen und auch kräftig auf die darunter befindlichen, die ihre Dekadenz in SUVs spazieren fahren. Wobei sich da natürlich auch schnell Mitleid einstellt, weil diese Leute ihre Penisattrappe sicher auch oft auf Pump gekauft haben. Selbst schuld.
Viel wichtiger ist für mich aber der Blick auf die Unterschicht. Da wächst wieder ein Lumpenproletariat heran, das gerade durch Hartz IV am Leben gehalten wird. Dass in diesen hoffnungsarmen Familien die nächste Generation der Verlierer aufwächst, liegt auf der Hand. Verwahrloste, vor allem von Glotze und Computer sozialisierte Kinder stoßen schon im Kindergarten an ihre Grenzen und sind spätestens in der Grundschule am Tabellenende angelangt. Auf der Hauptschule gelandet drehen sie schon in der 5. oder 6. Klasse ihre Pirouetten zwischen Verhaltensauffälligkeit, Lernschwierigkeiten, Absentismus und schließlich Gewalt. Nach neun oder zehn Jahren der schulischen Vernachlässigung werden sie alles andere schaffen nur keine Ausbildung.
Die Schulen sind überfordert und machtlos. Die Lehrer oft genug nicht genug ausgebildet, um den akuten Problemen ihrer Klientel gerecht zu werden, oder zu alt, zu eingefahren, zu resigniert – und natürlich zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen. Früher mag eine Hauptschulklasse mit 18 Schüler ein Traum gewesen sein. Heute heißt das, dass davon die Hälfte so auffällig sind, dass kein “normaler” Unterricht möglich ist. Also wird das Chaos verwaltet, die Stunden irgendwie rumgekriegt, überlebt. Mensch würde dann gerne einfach verschwinden, rausgehen, irgendwas anderes machen, aber das geht natürlich nicht. Nein, mensch muss den Laden irgendwie vor dem völligen Zusammenbruch bewahren, schließlich will man sich nicht wegen Verletzung der Aufsichtspflicht vor dem Richter wiederfinden (Obwohl das natürlich eine Möglichkeit wäre, sich aus dem Job zu kegeln – wenn auch nicht wirklich befriedigend oder befreiend).
Fachunterricht? Ich soll Kindern Physik und Chemie beibringen, die mit einfachen lebensnotwenidigen Dingen auf Kriegsfuß stehen, denen Zuneigung fehlt, die morgens erstmal in den Arm genommen werden müssten, oder zumindest geduscht und ordentlich verköstigt. Was interessiert diese Kinder wie eine Lochkamera funktioniert oder wie sich Halb- und Kernschatten von einander unterscheiden. Klar interessiert es sie, wie ein Silvesterknaller explodiert. Aber nur praktisch – der Rest ist schnurz. Achja, Englisch müssen sie auch lernen, obwohl man ihre Schrift kaum lesen kann und/oder ihre Ausdrucksweise in Deutsch schon mangelhaft ist.
Also quält man sich gegenseitig, ohne das eigentlich zu wollen. Schließlich ist man sich durchaus sympathisch – wenn man sich nicht in einer fremdbestimmten Unterrichtssituation befindet.
Die Politik? Hier spätenstens muss ich in verzweifeltes Gelächter ausbrechen. Gefangen in ihren ideologischen Sachzwängen und Ahnungslosigkeiten fällt den (meistens) Juristen im Ministeramt immer nur das “weiter so” ein, das Festhalten an dem Schwachsinn eines zementierten Schulsystems. Und es fehlt ihnen natürlich das Rückrat, mehr Geld zu fordern. Und es fehlt ihnen schlicht die Men- und Womenpower, weil die Leute, die diesen Lehrerjob machen wollen, immer weniger werden.

Düstere Aussichten, die sich noch weiter ausführen ließen.
Gründe für Optimismus suche ich noch.

Die Bahn AG und ihr erbärmlicher Umgang mit der eigenen Vergangenheit

Gestern gab es hier in Göttingen die Eröffnungsveranstaltung für den Aufenthalt des Zuges der Erinnerung. Einführende Reden, ihn denen auf das verhindernde und destruktive Verhalten von Bahn-Vorstand und Verkehrsministerium hingewiesen wurde (beispielsweise muss der Verein ganz normale Trassen- und Bahnhofs-Preise zahlen), Präsentationen von Schüler-Arbeiten zum Thema und ein sehr schönes Konzert mit jiddischer Musik gaben einen sehr guten Rahmen.
Erzählt wurde leider auch, dass das Göttinger Bahnhofsmanagement ursprünglich satte 1000 € für einen Stromanschluss haben wollte. Immerhin gelang es durch Verwendung eigener Kabel die Kosten auf 300 € zu drücken. In Anbetracht der Tatsache, was in so einem Bahnhof an Strom für Quatsch vergeudet wird, ist das immer noch zuviel.

Eben wollte ich mir den Zug ansehen. Doch weit und breit war er nicht zu sehen. Auf meine Frage am Auskunftsschalter hin, erzählte mir die Dame, dem Verein würde ein Dampflokführer fehlen, um den Zug vom Abstellgleis an den Bahnsteig zu ziehen!

Mir kann niemand erzählen, dass die BahnAG nicht in der Lage wäre, einen Dampflokführer aus der Umgebung zu rekrutieren – oder einfach eine Rangierlok zur Verfügung zu stellen.
Aber offensichtlich hat man dort ein von oben verordnetes Problem mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Erbärmlich.